Knallender Abgang!
Nach längerer Zeit mal wieder ein Text. Irgendwie passend melancholisch zur Jahreszeit. Viel Spass!

Wasser prallte auf Glas, perlte ab, verlor sich, wurde zu überschaubaren Tropfen. Seine Augen folgten der herunterrinnenden Flüssigkeit, während sich die Szenerie in seinen Augen widerspiegelte. Noch gestern spielte sich das gleiche Schauspiel vor seiner Pupille ab. Zugegeben, an einem anderen Ort, aber doch in ähnlicher Form. Damals war er ausserhalb des jetzt schützenden Fensters. Draussen, vor seiner Tür. Und statt durch die nasse Scheibe, blickte er in die glasigen Augen seiner damaligen Freundin. In die wunderschönen, einzigartigen Augen, mit dieser unbeschreiblichen Farbe. Eine Mischung aus grün und braun, und eines hatte diesen unerklärlichen blauen Fleck, der ihm sofort aufgefallen war. Wie oft hatte er ihr in die Augen geschaut und sah gleichzeitig tief in sie hinein. Erkannte ihre Persönlichkeit, all das, was er unter ihrer inneren Schönheit zusammenfassen würde. Sie liebte diese Momente, wenn er ihr tief in die Augen schaute und sie sich so unheimlich sicher fühlte. Und so war es zu seiner Masche geworden, um sie zu verführen. Umso schmerzhafter war die Erfahrung, als er durch dieses Schlüsselloch in einen See voller Trauer blickte. Ihre Wangen genässt von den eigenen Tränen und die Augen so rot, als hätte sie einen Boxkampf hinter sich.
All das wurde ihm schlagartig in Erinnerung gerufen. Überflutete sein Gehirn. Seine Gedanken kannten nur noch dieses eine Bild, das wie eingebrannt vor seinen inneren Auge schwebte, als wäre er in der Zeit zurück gereist. Er sah sie vor sich stehen und sie versuchte ihm weinend und schluchzend etwas zu erklären. Es war schwer zu verstehen, sie musste immer wieder neu beginnen, weil eine Schluchzattacke ihr das Sprechen versagte. Er wollte sie in den Arm nehmen, sie beruhigen. Doch sie stiess ihn weg. Schrie ihn an und weinte noch stärker. Hilflos stand er daneben und realisierte gar nicht richtig was sich da in seinem Vorhof abspielte. Es war, als ob er seinen Körper verlassen hatte und das ganze Spektakel aus einer weit entfernten Position betrachtete. Ihre Schreie dröhnten durch seinen Kopf, hallten wieder und langsam verstand er, griffen Zahnräder in seinem Kopf ineinander. “Wie kannst du nur! Waren das nur leere Worte! Verschwinde! Verschwinde aus meinem Leben! ”
Sie war ausser sich, drehte sich um, rannte weg von ihm und es war als ob sich jegliches Gefühl aus seinem Körper verflüchtigt hätte und ihr nachströmte. Als hätte er sich seine Eingeweide herausgerissen und ihr hinterher geworfen. Er war geschockt. Das war ihm noch nie passiert. Natürlich war er vertraut mit der Situation. Er hatte dieses Spiel schon 1000 Mal gespielt, doch dieses Mal war irgendetwas anders. Er war nicht mehr Herr der Situation. Er hatte sich verliebt. Wie naiv von ihm, wie unglaublich dumm. Seine Gefühle kehrten zurück und eine Woge des Hasses überflutete ihn. Er durfte sie nicht entkommen lassen. Sie würde alles ruinieren, die jahrelange Arbeit. Sein Geheimnis.
Er führte seine rechte Hand zu seinem Gürtel und setzte gleichzeitig seine Beine in Bewegung. Er zückt seine Pistole, die er immer bei sich trug, wenn sie nicht dabei war. Sie hatte ihn an diesem Abend überrascht, deshalb hatte er keine Zeit gehabt, um die Waffe abzulegen. Was war es für ein unglaublicher Glücksfall. Es blieb keine Zeit um einen Schalldämpfer zu montieren, um Vorsichtsmassnahmen zu treffen. Er musste handeln. Das Problem musste gelöst werden und zwar radikal. Den Arm vor sich ausgestreckt zielte er auf die spurtende Frau vor ihm. Er drückte ab. Der laute Knall musste zwangsweise die Nachbarn alarmieren, doch es gab keine andere Möglichkeit. Er hatte getroffen. Sie sackte zu Boden und blieb reglos liegen. Aufmerksam blickte er sich um, bereit um sich um mögliche Zeugen zu kümmern. Wie dumm musste jemand sein, jetzt seinen Kopf aus dem Fenster streckte. Doch das Haus vor ihm blieb dunkel. Keine Lampe erhellte die Dämmerung. Er hatte Glück. Niemand war zu Hause. Er erreichte sie, überprüfte ihre Atmung. Eine Schande, dass sie jetzt unbrauchbar war. Eine solche Schönheit hätte nicht wenig eingebracht. Einen kurzen Moment blieb er stehen und blickte ein letztes Mal in ihre Augen. Doch er musste seinen Blick abwenden, ertrug die Qual nicht. Er nahm sie auf die Arme und trug sie zurück ins Haus.
Sein Spiegelbild offenbarte einen Anflug von Trauer, den er nicht unterdrücken konnte, während die Geschehnisse des Vorabends nochmals durch seinen Kopf gingen. Trotz seinen Sorgenfalten musste er sich eingestehen, was für ein Glück er doch gehabt hatte. Wie knapp er einem zerstörerischen Unglück entgangen war. Seine Gedanken lösten sich auf, als es an der Tür klingelte. Er erhob sich aus dem Sessel, ging langsam zu der Eingangstür und öffnete sie. “Hallo, ich möchte nicht stören, aber es lässt mir keine Ruhe.”, sagte der Mann auf der Eingangsschwelle. “Worum geht es?”, ertönte es aus dem Haus. “Ich dachte gestern, dass ich einen Schuss gehört habe. Wahrscheinlich ist es nichts, aber es liess mir keine Ruhe.” “Das erwähnten sie bereits.” “Ich wollte sie nur fragen, ob sie vielleicht auch etwas gehört haben? Nicht das sich noch ein Verbrechen in unserem kleinen Quartier abspielte, ohne das wir etwas bemerkt haben.”, sprach der Mann weiter. “Nein natürlich, ich verstehe ihre Besorgnis. Kommen sie doch rein, da können wir besser sprechen.” Der Fremde nickte und trat ein, unwissend, dass er die Quelle des Schusses früher erfahren würde, als ihm lieb war.