Mediale Ablenkung
Das Internet ist vielleicht die wichtigste Erfindung des 20. Jahrhundert. Es erlaubt den Menschen Dinge, von denen man vor Jahren nur zu träumen wagte. Zum Beispiel sich mit einem Freund aus Chile gratis zu unterhalten und ihn dabei das erste Lächeln seines Nachwuchs zu zeigen. Das Internet ist für mich die grösste Errungenschaft der Neuzeit, bin ich aber ehrlich mit mir selbst, auch die grösste Zeitverschwendung meines Lebens. Eine Erkenntnis die in ihrer Wahrheit immer dann bestätigt wird, wenn Arbeit an die Tür klopft. Dieses Wochenende wurde die Tür regelrecht eingestürmt. Es galt eine Arbeit von ungefähr 10 Seiten zu schreiben. Keine ganz einfache Sache, müssen doch alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt werden. Samstag und Sonntag wurden ins Schreiben investiert. Letztlich stand eine wissenschaftliche Arbeit von ungefähr 8 Seiten auf den Beinen. Ich versuche mich an einer Analyse der Geschehnisse.
Aufzustehen und zu merken wie Druck und das Wissen, dass heute viel gearbeitet werden muss, das Gehirn überfluten, ist ein quälendes Gefühl. Das Bett zu verlassen wird zur Herausforderung. Sich einmal die Folgen eines Scheiterns in den Kopf zu rufen, schafft jedoch Motivation. Auf geht’s zum Computer um das Textbearbeitungsprogramm starten. Doch neben dem Word Symbol, thronen Firefox co., die mir konspirativ zuzublinzeln scheinen. Ach, schnell noch ein Youtube Video kann doch nicht schaden? Wow, das verlinkte Video sieht auch interessant aus. Aus einem Video wird eine halbe Stunde, aus einer halben Stunde wird eine ganze, aus einer Stunde wird Nachmittag. Zeit zu beginnen. Nur noch schnell die Neuigkeiten auf den Blogs und Newsseiten begutachten, hab mich schliesslich schon seit dem Morgene nicht mehr “upgedated”. Was steht hier? Die 20 bekanntesten Internet Videos? Gleich einmal prüfen wie viele ich davon kenne.
Langsam streikt die Sonne gegen die Missachtung ihrer Leistungen durch ständiges Monitor-Glotzen und versteckt sich am Horizont. Zeit, die Dinge in die Hand zu nehmen. Was schon 18 Uhr? Da kommt doch meine Lieblingsserie. Nur noch kurz von den Fernseher, dann aber wirklich los. Zuvor jedoch noch am Küchentisch neue Kraft tanken. Nein, esse lieber vor dem PC, dann muss ich meine Arbeit nicht so lange unterbrechen. Nur kurz neben dem Essen nochmals auf Youtube, kann schliesslich nicht essen und schreiben gleichzeitig. Ihr erkennt den Teufelskreis…
Rückblickend lässt sich zweifelsfrei feststellen: Mit der stetigen Erweiterung der medialen Unterhaltung, steigt gleichzeitig der Grad der medialen Ablenkung. Wie soll ich mich im Wirrwarr von Videos, Neuigkeiten und Unterhaltungsangeboten denn noch zu Recht finden? Wie soll ich entscheiden was wichtig und was unwichtig ist? Wie soll ich mich noch auf meine Arbeit konzentrieren, wenn heutzutage alles auf dem Computer gebündelt wird. Die Konvergenz führt dazu, dass ich nicht nur arbeiten, sondern auch fernsehen, telefonieren, chatten und spielen kann. Ohne den Platz zu wechseln. Es kommt mir teilweise so vor, als stecke dahinter ein Komplott um meine Faulheit gezielt auszunutzen. Wahrscheinlich ist das gar nicht so falsch. Wahrscheinlich sogar verdammt richtig. Die einzige Frage, die sich jedoch stellt, ist wie ich damit umgehen soll, da Gegenwehr anscheinend sinnlos ist. Am besten ich plane für 2 Stunden Arbeit einfach 10 ein. Oder entwickle meinen Computer destruktiv zur Schreibmaschine zurück. Ohne Fehlererkennung dauert das dann ungefähr gleich lange.