Doppelmoral
Es ist höchste Zeit, den Staub dieser Seite zumindest ein bisschen wegzupusten und heute hat sich eine gute Möglichkeit ergeben, als ich beim pendeln auf folgenden Artikel auf der Tagi Page gestossen bin, der ein Interview mit dem SVP-Politiker Ulrich Schlüer der Basler Zeitung thematisiert. Wir erinnern uns: Schlüer hat vor einiger Zeit die berüchtigte Minarett-Initiative eingereicht, die Ende letzten Jahres angenommen wurde. Nachdem endlos und äusserst erschöpfend über das Ergebnis diskutiert, debattiert und sich echauffiert wurde, rollt langsam die Burka-Welle von Belgien über uns. Die Belgier, die sich wohl dachten, dass die Schweiz genug internationale Aufmerksamkeit gekriegt hat und endlich sie an der Reihe sind. Nun dürfen auch wir über ein Burka-Verbot diskutieren.
Natürlich überschlagen sich die Medien auch bei dem nächsten Islam-Thema. Und natürlich interessieren sie sich auch dafür, was der Übervater des Minarett-Banns darüber denkt. Nun kommt das Überraschende. Schlüer ist gegen ein Burka-Verbot. Ok, das ist an und für sich nicht absurd. Natürlich gibt es viele Argumente gegen ein Burka-Verbot. Trotzdem zeichnete Schlüers Vorgeschichte, als ich den Artikel las, einige ungläubige Denkfalten in mein Gesicht. Wie erklärt er also diese Diskrepanz zwischen Burka und Minarett?
«Minarette sind ein Symbol für den politischen Islamismus. [...] Es geht um Züchtigungen und Zwangsehen, oder auch darum, dass muslimische Kinder nicht am Schwimmunterricht teilnehmen sollen. Bei der Burka hingegen handelt es sich letztlich um ein Kleidungsstück»
Ach so! Minarette sind also letztlich nicht als Türme oder Bauwerke zu betrachten? Sie sind die bösen Symbole. Weiter habe Schlüer im Interview mit der Basler Zeitung gesagt, dass er nichts davon halte nur die Symptome des radikalen Islams zu bekämpfen. Auch dieses Argument stützt die Minarett-Initiative ungemein. Denn sie hat wirklich etwas bewirkt. Sie hat die Schweiz verändert, unsere Werte gestärkt, das Stadtbild gesäubert, die Schweiz erhalten, den radikalen Islam ungemein geschwächt. Und es hat sich schon gar kein islamischer Zentralrat mit 1000 Mitglieder gebildet, der ziemlich radikale Ansichten vertritt.
Noch witziger finde ich die Ansicht von Alfred Heer, ebenfalls SVP-Nationalrat, eigentlich ziemlicher Hardliner und ebenfalls Minarett-Gegner. Der Tagi dazu:
«Er spricht von einem «Phantomverbot», weil in der Schweiz ganz verhüllte Frauen nur sehr selten zu sehen seien.»
Ha! Das macht Sinn! Nach Heers Schätzungen sollen etwa 2-3 Frauen verhüllt in der Schweiz leben. Jedoch stehen GANZE 4 Minarette im Land. VIER! Einer solchen himmelragende Plage, die Heuschreckenartig schweizer Städte befallen hat, musste man Herr werden. Diese Zeichen Satans musste man verbieten. Aber Kleidungsstücke zu verbieten? Hallo, in was für einem Staat leben wir denn? Wir sind doch aufgeklärt! Da könnten wir doch gleich alles verbieten. Computerspiele zum Beispiel!
Aber weg mit all der Ironie. Versteht mich nicht falsch, natürlich darf man bei den beiden Fragen durchaus verschiedener Ansicht sein. Man sollte auch beide Fragen neu bewerten. Nur, wie kann man seine ganze Argumentation zur Burka so aufbauen, dass man sie ohne weiteres auch gegen ein Minarett-Verbot ins Feld führen könnte? Was ist das für eine Doppelmoral?
Letztlich sind die genannten Argumente aber gar nicht so falsch. Was mich am meisten bedrückt an diesen Diskussionen, ist der Verbots-Charakter, der aufgekommen ist. Man sucht den Kern des Problems gar nicht mehr erst, sondern will gleich verbieten. Ich verstehe ein Verbot immer noch als letzte Möglichkeit, nicht als erste. Somit wäre das Verbot der Burka vielleicht wirklich nur ein «Phantomverbot», nur trifft das auch auf das Minarett-Verbot zu liebe SVP!
Quelle: tagesanzeiger.ch